Reproduktiver Klassenkampf und Nationalismus

Wir veröffentlichen hier einen Auszug aus der Broschüre „Antinationale Schriften I“ über reproduktiven Klassenkampf und Nationalismus. Die Broschüre könnt Ihr für 5-€ (inkl. Porto) über Onlinemarktplatz für Bücher booklooker.de bestellen.

TNT Italien
Streikende Arbeiter bei TNT in Piacenza, 11. Juli 2011

Das Kapital ist in seinem Vermehrungstrieb tendenziell grenzen- und schrankenlos. Doch das Kapital vermehrt sich nicht durch Zauberhand, sondern in erster Linie durch die gnadenlose Ausbeutung des Proletariats. So war das Proletariat in der Geschichte und auch noch heute in vielen Ländern gezwungen, für das nackte Überleben einen Klassenkampf zu führen. Selbstverständlich führt das Proletariat nicht nur für das nackte Überleben einen Klassenkampf, sondern auch, um es für sich so angenehm wie möglich zu machen. Geht das Proletariat dabei „zu weit“, gefährdet es damit die kapitalistische Profitproduktion, was zur Krise und Gegenreaktion des Kapitals führen muss. Sehr gut ist das in der Geschichte des Kapitalismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sehen. Durch die Zunahme der Klassenkämpfe am Ende des Nachkriegsaufschwunges zwischen 1965 und 1975 wurde der tendenzielle Fall der Profitrate enorm verschärft. Der Kapitalismus Westeuropas geriet in eine strukturelle Kapitalvermehrungskrise und ging zur „neoliberalen“ Gegenoffensive als Verschärfung der Ausbeutung über. So lange das Proletariat noch nicht bewusst gegen den Kapitalismus kämpft, reproduziert es sich durch Klassenkampf selbst und damit auch den Kapitalismus auf veränderter Stufenleiter. Deshalb nennen wir den Klassenkampf innerhalb des Kapitalismus, den das Proletariat für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen beziehungsweise gegen deren Verschlechterungen führt, reproduktiven Klassenkampf.
Doch dieser reproduktive Klassenkampf hat auch seine revolutionären Tendenzen. In ihm zeigt das lohnarbeitende Proletariat, das es mehr ist als ein Kollektiv atomisierter Marktsubjekte auf den Arbeitsmärkten und menschliches produktives Kapital, was den Reichtum von Kapital und Nationalstaat und sein eigenes Elend produziert. Es ist ein kollektives Klassenkampfsubjekt! Es eignet sich kleinere Produkte und Produktionsmittel durch konspirativen Alltagsklassenkampf an, dabei das Privateigentum der Bourgeoisie in der Praxis missachtend. In Streiks hört es auf Mehrwert für Kapital und Nationalstaat zu produzieren. Es geht militant gegen die Repression von Privatkapital und Staat vor, es errichtet die Diktatur des Proletariats bereits im reproduktiven Klassenkampf! Doch sind den meisten ProletarierInnen diese revolutionären Tendenzen des reproduktiven Klassenkampfes nicht bewusst.
Es gehört ebenfalls zu den revolutionären Tendenzen des reproduktiven Klassenkampfes, dass das Proletariat in ihm tendenziell und potenziell seine kleinbürgerliche Sozialität als nur durch die Ware-Geld-Beziehung und den Nationalstaat indirekt vergesellschaftetes Wesen aufhebt. Das proletarische Individuum verbindet sich im Klassenkampf mit anderen proletarischen Individuen zum solidarisch handelnden Kollektiv. Da das Proletariat durch die kapitalistische Globalisierung fast überall multiethnisch zusammengesetzt ist, also in fast jedem Betrieb und in fast jedem Nationalstaat auch „AusländerInnen“ arbeiten, ist es eine Notwendigkeit des Klassenkampfes, dass die ArbeiterInnen ihre gegenseitigen nationalistischen/rassistischen Vorurteile überwinden. Und diese Notwendigkeit setzt sich auch tendenziell im reproduktiven Klassenkampf durch. So wie beim Streik bei TNT in Italien im Sommer 2011, der hauptsächlich von ArbeitsmigrantInnen getragen wurde. Die tendenzielle Überwindung des Nationalismus durch den Streik, beschrieb einer seiner AktivistInnen, der aus Ägypten stammende Mohamed Arafat folgendermaßen: „Als erstes mussten wir Einigkeit unter allen Arbeitern im Betrieb herstellen und die Angst besiegen… Sie haben uns gegeneinander ausgespielt, Italiener gegen Ausländer (90 Prozent der Belegschaft), Ägypter gegen Marokkaner: ,Wenn du brav bist, bezahl ich dir mehr, misch dich nicht ein, der da ist ein Spitzel, usw.‘. Das Misstrauen, das der Chef über die Jahre aufgebaut hat, haben wir in wenigen Monaten des Kampfes überwunden, im Kampf sind die Spaltungen aufgehoben worden. Ein Marokkaner hat zu mir gesagt: ,Ich hätte nie gedacht, dass ich einem Ägypter trauen würde.‘ … Im Kampf ist eine Familie entstanden: Wenn sie einem etwas antun, dann tun sie das allen an. Langsam ist auch der Italiener ein Immigrant geworden, auch die Italiener verdienen inzwischen das gleiche.“ (Zitiert nach „Revolution“ bei Ikea. Italien: „Kampfzyklus von Logistik-ArbeiterInnen“, in: Wildcat 94 vom Frühjahr 2013, S. 60.)
Doch der reproduktive Klassenkampf hat nicht nur revolutionäre Tendenzen. Seine konservative Tendenz ist, dass er Kapitalismus und Nationalstaat nur reproduzieren, aber nicht zu überwinden vermag. Und in seiner reaktionärsten Tendenz reproduziert der reproduktive Klassenkampf auch den Nationalismus. Wie wir bereits im Kapitel Individualismus und Nationalismus beschrieben, führen die ProletarierInnen auf dem Arbeitsmarkt als Konkurrenzindividuen einen nationalistischen Konkurrenzkampf um Jobs. Manchmal kann es sogar vorkommen, dass „inländische“ ArbeiterInnen einen gemeinsamen nationalistischen Klassenkampf gegen die Vergabe von Jobs an „AusländerInnen“ führen. So streikten zum Beispiel im Frühjahr 2009 britische BauarbeiterInnen wild gegen die Vergabe von Jobs an AusländerInnen. Manche ProletarierInnen verwendeten im Streik unumwunden die nationalistische Parole „Britische Arbeitsplätze für britische Arbeiter“. Als das natürlich viel Staub aufwirbelte, wurde der real existierende Nationalismus in eine politisch korrekte Form verpackt. Es hieß dann schön harmlos: „Fairer Zugang für hiesige Arbeitskräfte“. Dadurch ließen sich auch nicht wenige politisch korrekte linke KleinbürgerInnen innerhalb und außerhalb Großbritanniens beruhigen (siehe zu diesem nationalistischen Klassenkampf: Nelke, Globale Klassenkämpfe (2008-2013), a.a.O., S. 75-77.) Doch für SozialrevolutionärInnen sollte klar sein, dass ein entlang von nationalen Linien geführter Klassenkampf grundsätzlich reaktionär ist, egal ob dieser Nationalismus nun chauvinistisch-direkt oder politisch korrekt und verklärend ausgedrückt wird.
Wie stark der Nationalismus/Rassismus als bürgerliche Ideologie sogar teilweise noch durch das militant-klassenkämpferische Proletariat reproduziert wird, zeigt uns die Geschichte des Klassenkampfes in Südafrika. Die weißen ArbeiterInnen waren so stark von der rassistischen Ideologie durchdrungen, dass sie diesen sogar noch reproduzierten, als sie einen blutigen Klassenkampf mit der weißen Bourgeoisie Südafrikas ausfochten. So war es zum Beispiel beim großen Streik der weißen BergarbeiterInnen im Jahre 1922. Vier an diesem Streik beteiligte weiße ArbeiterInnen wurden von der bürgerlichen Klassenjustiz zum Tode verurteilt. Aber obwohl die weiße Bourgeoisie den Klassenkrieg gegen das weiße Proletariat mit aller Gnadenlosigkeit führte, also in der Praxis alle Ideologien über einheitlich handelnde „Rassen“ widerlegte, reagierten die weißen BergarbeiterInnen feindselig auf die aktive Solidarität ihrer schwarzen Klassengeschwister. Als die letzteren ebenfalls in den Streik treten wollten, holte die weiße Streikleitung die Polizei um die schwarzen ArbeiterInnen zur Weiterarbeit zu zwingen.
Auch das schwarze Proletariat reproduzierte in seinem Klassenkampf gegen den rassistischen südafrikanischen Kapitalismus den schwarzen Nationalismus und die institutionalisierte schwarze ArbeiterInnenbewegung, der Gewerkschaftsbund COSATU und die Südafrikanische „Kommunistische“ Partei (SA„C“P) kultivierten den Nationalismus innerhalb des schwarzen Proletariats. COSATU und SA„C“P passten sich auch an die intellektuelle Elite des Afrikanischen Nationalkongress (ANC) an, der dadurch eine proletarische Massenbasis bekam. Die Transformation des politischen Überbaues des südafrikanischen Kapitalismus von der Apartheid zum ANC-Regime – in das auch COSATU und SA„C“P integriert sind – ab den 1990er Jahren widerlegte wieder einmal das marxistisch-leninistische Geschwätz über die angebliche Fortschrittlichkeit des Nationalismus unterdrückter Nationen und der nationalen Befreiung. Die nationale Befreiung reproduzierte die Ausbeutung des weißen und des schwarzen Proletariats in Südafrika. Gegen das klassenkämpferische Proletariat ist das ANC-Regime nicht weniger ein tollwütiger Bluthund, wie es das Apartheid-Regime gewesen ist (siehe zu Südafrika: Nelke, Gelungene Demokratisierung in Südafrika –Das ANC-Regime gegen das Proletariat, in: Schriften zum Klassenkampf I, Soziale Befreiung, Bad Salzungen 2012, S. 85-100 und: Nelke, Globale Klassenkämpfe (2008-2013), a.a.O., S. 69-73).
Die obigen Beispiele des Klassenkampfes zeigen uns auch mal wieder den sozialreaktionären Charakter der institutionalisierten ArbeiterInnenbewegung (Gewerkschaften und sozialdemokratische/„kommunistische“ „ArbeiterInnenparteien“). Sie ist als bürokratisch entfremdeter Ausdruck des reproduktiven Klassenkampfes entstanden – die institutionalisierte ArbeiterInnenbewegung reproduzierte in ihrer Organisationsweise die kapitalistische Gesellschaft in Form von bürgerlich-bürokratischen Gewerkschafts- und Parteiapparaten auf der einen und der proletarischen Basis auf der anderen Seite. Von den materiellen und sozialpsychologischen Bedürfnissen ihrer bürgerlich-bürokratischen Apparate ausgehend, integrierten sich die nationalen ArbeiterInnenbewegungen in der Regel entweder in die bestehenden privatkapitalistischen Nationalstaaten oder sie transformierten sich zu herrschenden Klassen in staatskapitalistischen Nationen. Die institutionalisierten ArbeiterInnenbewegungen sind weltweit grundsätzlich nationalistisch, sowohl teilweise brutal-nationalchauvinistisch als auch maskiert-„internationalistisch“. Sie kultivieren auf verschiedenste Weisen den Nationalismus im Weltproletariat. Antinational-sozialrevolutionär können sie aus strukturellen Gründen als bürgerlich-bürokratische Organisationen gar nicht sein.
Deshalb ist es eine Notwendigkeit – schon lange bevor der Klassenkampf seine reproduktiven Grenzen sprengt – eine globale Föderation antinational-sozialrevolutionärer Gruppen aufzubauen, welche die bürgerlich-bürokratische Organisationsform überwindet und auf der Selbstorganisation der revolutionären ProletarierInnen und Intellektuellen beruht. Diese Föderation kann vor der möglichen Weltrevolution nur von einer kleinen Minderheit getragen werden, die in sich die bürgerliche Ideologie – so weit, wie das innerhalb des Kapitalismus möglich sein kann – überwunden hat, darunter auch die nationale Ideologie. Durch ihre geistige Überwindung des Nationalismus in all seinen Spielarten – eine wahre Kulturrevolution! – bereiten SozialrevolutionärInnen die mögliche Zerschlagung aller Nationalstaaten durch das Weltproletariat vor. Natürlich ist das zurzeit nur ein bescheidener Beitrag zur Weltrevolution, aber lieber heute mit wenigen die mögliche Zerschlagung aller Nationalstaaten vorbereiten, als in sozialdemokratischen bzw. „kommunistischen“ Massenorganisationen den Nationalismus zu reproduzieren. Ihr rechten und linken SpießbürgerInnen seid jetzt noch zahlreicher als wir proletarischen RevolutionärInnen. Doch reißt euer Maul über „Nation“ und „nationale Befreiung“ nicht zu weit auf, denn vielleicht bekommt ihr es vom Weltproletariat noch gestopft!