Klassenkämpfe bei der Deutschen Post

Wir veröffentlichen hier das Kapitel „Klassenkämpfe bei der Deutschen Post“ aus der Broschüre „Globale Klassenkämpfe (2013-2015)“. Die gesamte Broschüre „Globale Klassenkämpfe (2013-2015)“ könnt Ihr hier über Onlinemarktplatz für Bücher booklooker.de bestellen.

Streikende PostarbeiterInnen. dpa

Bei der Deutschen Post AG kam es im Jahr 2015 zu einem längeren Streik, bei dem ver.di eine Niederlage der dort Beschäftigten organisierte. Bei diesem ehemaligen hundertprozentigen Staatsunternehmen wurde seit zwei Jahrzehnten ein harter politischer und sozialökonomischer Klassenkampf von oben geführt. Die Aufgabe des Monopols bei der Brief- und Paketzustellung der Bundespost und deren Privatisierung im Jahre 1995 durch die Politbonzen führte zur Entstehung eines extrem ausgebeuteten Logistik-Proletariats. Zum einen bei der entstandenen Konkurrenz der Post, unter anderem bei Hermes, PIN AG, UPS und German Parcel, und zum anderen bei der Deutschen Post AG selbst, welche die harte Ausbeutung bei den Konkurrenzunternehmen als Druckmittel gegen das „eigene“ Proletariat benutzte. Ja, die Zeit als der Postverkehr noch von privilegierten BeamtInnen abgewickelt wurde ist lange vorbei, diese wurden durch ein ultrahart ausgebeutetes Logistik-Proletariat ersetzt. Da die Bundesregierung mit 21 Prozent der Aktien die größte Teilbesitzerin der Deutschen Post ist, können wir die verschärften Angriffe auf die Arbeitsbedingungen in diesem Unternehmen als konzentrierten politökonomischen Klassenkampf von oben bezeichnen.
Neben den formal als Lohnabhängige Ausgebeuteten gibt es bei der Deutschen Post so wie auch bei ihren Konkurrenzunternehmen formal selbständige Subunternehmer und Scheinselbständige, die einer besonders harten Ausbeutung unterworfen sind. Sam Isa beschreibt seine Erfahrungen als Sub-Sub-Sub-Unternehmer bei der Deutschen Post im Frühjahr 2015: „Ein guter Freund, der für einen Subunternehmer der Post als Fahrer tätig ist und laut ,Arbeitsvertrag‘ für über 50 Stunden in der Woche deutlich unter 1.000 Euro brutto im Monat nach Hause bringt, konnte wegen eines Arbeitsunfalls mit Krankenhausaufenthalt vorübergehend nicht selbst am Lenkrad sitzen. Aus Angst vor Auftragsentzug bat er mich inständig, kurzfristig seine Tätigkeit auszuführen und begleitete mich trotz Krankmeldung als sach- und ortskundiger Beifahrer auf den Touren. So war ich im Frühjahr 2015 drei Wochen lang bei einem sogenannten Vertragspartner der Deutschen Post AG tätig.
Los ging es täglich um sieben Uhr morgens. Nach einer halbstündigen Fahrtzeit – die nicht entlohnt wurde – musste das Fahrzeug beladen werden. Ich habe verschiedene Firmen mit Briefsendungen beliefert, danach mussten die Ablagekästen für die Briefzusteller in den Stadtteilen aufgefüllt werden. Laut Tourenplan der Deutschen Post waren für die Zeit zwischen neun und elf Uhr morgens vier verschiedene Touren angesetzt. Also muss man zeitgleich an vier verschiedenen Orten sein. Da das beim besten Willen nicht möglich ist, sind die Fahrer einem enormen Zeitdruck ausgesetzt, der eine ganze Serie riskanter Aktionen in Gang setzt.
Um einen Mahnanruf des gestressten, auf die Sendungen wartenden Briefzustellers zu vermeiden, musste ich regelmäßig auch Falschparken in Kauf nehmen. Mögliche Bußgelder muss der Fahrer aus eigener Tasche zahlen. Durch diesen von der Deutschen Post verursachten Zeitdruck wird der Fahrer letztlich zu einer Gefährdung im Straßenverkehr. Die für den Vormittag veranschlagte letzte, also fünfte Tour, sollte laut Plan der Post um 11:01 Uhr fertig sein – in der Praxis war sie jedoch nie vor zwölf Uhr beendet. Um 15.00 Uhr ging der Arbeitstag mit einer halbstündigen, wiederum unbezahlten Fahrt weiter. In den Runden am Nachmittag wurde die Briefkastenleerung erledigt. Gegen 20.00 Uhr war Feierabend.
Wer Glück hat, kann an so einem Arbeitstag von sieben Uhr morgens bis 20.00 Uhr bis zu drei Stunden Pause machen. Es gibt aber auch Menschen, die nachts überregionale Fuhren zwischen großen Briefzentren bewältigen und zusätzlich tagsüber Briefkästen leeren. Einen geregelten Schlaf finden sie nicht, manche schlafen zwischendurch stundenweise im Fahrzeug. ,Top-Arbeitgeber Deutsche Post AG‘ steht auf den Plakaten zu lesen, die das Post-Management für viele Millionen Euro an Briefzentren anbringen ließ. Absicherungen und Errungenschaften der Arbeiterbewegung wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Krankengeld oder Weihnachtsgeld sind für die modernen Tagelöhner allerdings nicht vorgesehen. Der tatsächliche Stundenlohn liegt weit unter dem offiziellen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro. Das gilt nach meinem Überblick auch für andere ,Vertragspartner‘ der Post.“ (Sam Isa, Sub-Sub-Sub-Unternehmer, in: junge Welt vom 11./12. Juli 2015, S. 5.)
Auch auf die Befristung von Arbeitskräften griff die Deutsche Post massiv zurück, wie unter anderem folgender Artikel vom Mai 2014 veranschaulicht: „88 befristete Arbeitsverträge in 17 Dienstjahren und einen Stundenlohn, der mit 13 Euro deutlich geringer lag, als derjenige der festangestellten Kollegen – das ist die Bilanz einer Zustellerin, die nun nicht mehr von der Deutschen Post weiterbeschäftigt werden soll, wie die Welt am Mittwoch (21. Mai 2014) auf ihrer Internetseite berichtete. Demnach soll die Frau manchmal wenige Wochen, teilweise aber auch mehrere Monate von dem Bonner Konzern angestellt gewesen sein. Einen Anschlussvertrag habe sie immer erst kurz bevor der alte Zeitvertrag auslief erhalten. Eine sechsjährige Beschäftigungspause sei auf eigenen Wunsch aufgrund der familiären Situation erfolgt. Danach habe sie ohne Probleme wieder einen Job bei der Post erhalten. Ende April (2014) soll das Unternehmen der Frau einen Anschlussvertrag nun vorenthalten haben, da sie ,untragbar‘ sei.“ (Nach 88 Befristungen vor die Tür gesetzt, in: junge Welt vom 27. Mai 2014, S. 15.)
Im November 2014 hatten rund 24.000 Beschäftigte der Deutschen Post einen befristeten Arbeitsvertrag, das waren 18 Prozent der rund 131.000 köpfigen Gesamtbelegschaft. Gegen diese befristeten Arbeitsverträge richtete sich so viel proletarischer Unmut, dass die ver.di-Bürokratie gezwungen war diesen aufzugreifen. In der dritten und vierten Novemberwoche 2014 fanden dagegen Arbeitsniederlegungen statt. Am 29. November protestierten gegen diese Praxis der befristeten Arbeitsverträge 1.200 Lohnabhängige der Briefniederlassung Nürnberg.
Am 22. Januar 2015 verkündete das Management der Deutschen Post den nächsten großen Angriff im Klassenkrieg von oben: die Schaffung von 10.000 Stellen bei der Paketzustellung in einer ausgegliederten Gesellschaft, die so genannte DHL Delivery GmbH, für die nicht der Posthaustarif, sondern der niedrigere Logistiktarifvertrag – den ebenfalls die ver.di-Bonzen mit ausgehandelt haben. So organisierte der ver.di-Apparat die Spaltung des Logistikproletariats mit. Aufgrund des proletarischen Druckes der Gewerkschaftsbasis war ver.di aber gezwungen, so zu tun, als würde sie den Widerstand gegen diesen neuen Angriff der Post-Bosse organisieren. Denn schließlich bedeuteten diese Lohnsenkungen von 15 bis 35 Prozent. Weil aber bei der Post noch ein Tarifvertrag und damit die Friedenspflicht galt, konnte die gesetzestreue ver.di natürlich nicht zu Streiks aufrufen, obwohl nach ihrer Meinung die Post mit ihrer neuen Ausgliederung gegen den bestehenden Tarifvertrag verstoßen hatte. Aber symbolischen Widerstand organisierten ver.di und die Betriebsräte natürlich: „Im Streit um Pläne der Post zur Ausgliederung von Mitarbeitern in der Paketzustellung haben am Donnerstag (5. Februar 2015) Betriebsräte und Vertreter der Gewerkschaft ver.di in Bonn an einem symbolischen Beerdigungszug teilgenommen. An der Aktion vor dem Post-Tower beteiligten sich nach Angaben eines Gewerkschaftssprechers rund 50 Teilnehmer. Ziel sei es gewesen, symbolisch Sozialpartnerschaft, Mitbestimmung und Tariftreue zu Grabe zu tragen, hieß es.“ (Post: Sozialpartnerschaft zu Grabe getragen, in: junge Welt vom 6. Februar 2015, S. 2.) KollegInnen, könnt ihr euch bei dieser machtvollen Aktion die vor Angst schwitzenden Post-Bosse vorstellen?!
Im März 2015 brachte der proletarische Druck von der Basis den ver.di-Apparat dazu, etwas radikaler aufzutreten So forderte die Gewerkschaft die Verkürzung der Arbeitszeit von 38,5 auf 36 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich, 5,5 Prozent mehr Lohn und die Rückgängigmachung der Ausgliederungen. Damit war ein neuer Tarifkonflikt eröffnet. Doch trotz diesen scheinbar radikalen Forderungen war die ver.di-Bürokratie letztendlich zu großen Zugeständnissen zu Lasten „ihrer“ proletarischen Basis bereit, um die Ausgliederung von 49 Regionalgesellschaften rückgängig zu machen. So wollte sie auf eine lineare Einkommenserhöhung für das Jahr 2015 verzichten und einer Veränderung der Entgelttabelle zustimmen, nach der Beschäftigte nicht mehr nach zwei Jahren, sondern erst nach drei in die nächsthöhere Stufe aufgestiegen wären. Doch da das Post-Management diese Zugeständnisse der ver.di-Bürokratie nicht annahm, musste sie zu Streiks aufrufen. Nach einigen befristeten Arbeitsniederlegungen organisierten die ver.di-Bonzen ab dem 8. Juni 2015 einen unbefristeten Streik bei der Deutschen Post – ohne davor eine Urabstimmung der proletarischen Basis durchzuführen. Das tat ver.di, um den Streik nach vollendeten Tarifhandel mit den Post-Bossen auch ohne Urabstimmung wieder beenden zu können.
Das Management der Deutschen Post organisierte einen massiven Streikbruch – auch mit Hilfe von BeamtInnen, wogegen ver.di erfolglos gerichtlich vorging – und eine reaktionäre Hetzkampagne gegen ver.di. So organisierten die Post-Bosse widerrechtliche Sonntagseinsätze, eine massive Anwerbung von Hilfskräften, bei denen ihr teilweise die Jobcenter halfen. Doch die KollegInnen der Deutschen Post ließen sich von diesem harten Klassenkampf von oben nicht entmutigen. Auch die Briefzustellerin Martina Laubach (Name geändert) streikte mit. Nach einer Woche Streik gab sie der jungen Welt ein Interview. Der Interviewer Wladek Flakin gab die Meinung der Post wider, dass die Auswirkungen der Arbeitsniederlegung nach einer Woche minimal seien und wollte von der streikenden Briefzustellerin wissen, wie das aus der Perspektive der Kämpfenden aussehe. Die Antwort: „Die Kollegen im Briefzentrum waren die ersten, die in den Streik getreten sind. Ein Teil der Sendungen wird nicht oder ,ungenügend‘ bearbeitet. Wie uns berichtet wurde, hat die Post ein Raumproblem, muss Hallen für die Lagerung anmieten. Es gibt Bilder aus Briefzentren von wachsenden Paketbergen. Dramatisch, was sich da abspielt. Unsere Streikposten haben LKW beobachtet, die unbearbeitete Sendungen abtransportiert haben sollen.“
Sie berichtete über Demonstrationen und die Reaktionen der KundInnen: „Es gab Demonstrationen etwa in Bad Hersfeld zusammen mit den Streikenden von Amazon, in Frankfurt am Main oder in Kassel. Die Kunden reagierten bisher sehr solidarisch. Als ich noch zustellen musste, nannte mich einer ,Streikbrecherin‘ – das sagt doch alles. Die Bevölkerung ermutigt uns, sie weiß, wie hart die Arbeitsbedingungen für uns geworden sind. Diese Solidarität müssen wir ausbauen.“
Die klassenkämpferische Proletarierin formulierte ihre Kritik an der ver.di-Bürokratie: „Es gab Warnstreiks, die den Druck auf die Post AG erhöhen sollten. Die Taktik von ver.di zielte dabei immer auf Verhandlungen statt auf die volle Mobilisierung der Mitglieder und einen Erzwingungsstreik. Das Kampfpotential der Tarifkräfte erst dann in Stellung zu bringen, als die Post mit Gründung der Subunternehmen die Verträge brach, ist kritikwürdig.
Der Verzicht auf eine Urabstimmung ist auch kein gutes Zeichen, weil die Kollegen bei einem etwaigen ,Kompromiss‘ und Ende des Streiks gar nicht gefragt werden müssen. In vielen Positionen in der Gewerkschaft sitzen Personen, die außer Sozialpartnerschaft offensichtlich nichts kennen. Das hat Auswirkungen. Wenn man so lange nicht streikt, führt das zu fragilen Strukturen. Die Gewerkschaft wird zum Versicherungsverein. Es war außerdem schlecht, dass ver.di vor der sechsten Verhandlungsrunde umfangreiche Zugeständnisse gemacht hat, mit denen viele Kollegen nicht einverstanden sind.
Trotzdem ist die Beteiligung super – in manchen Stützpunkten bei 100 Prozent. Es geht nicht nur um die Subunternehmen, es geht um Arbeitszeitverkürzung und mehr Geld. Das muss klar sein. Viele sind zu Zugeständnissen finanziell nicht in der Lage. Die ,Traumlöhne‘ bei der Deutschen Post gibt es nur noch bei alteingesessenen Kollegen. Neue fangen mit Gruppenstufe null an, da liegt der Stundenlohn zwischen zehn und elf Euro.“
Die Briefzustellerin erwähnte auch zarte Ansätze einer branchenübergreifenden Solidarität des klassenkämpferischen Proletariats: „Mit den Amazon-Kollegen hatten wir schon gemeinsame Demonstrationen. Doch der Erzieherinnenstreik wurde für die Schlichtung ,abgewürgt‘. Mehrere bundesweite Streiks gleichzeitig machen den Herrschenden wohl Angst.“
Die Briefzustellerin setzte klar auf die proletarische Selbstorganisation als Gegengewicht zur Gewerkschaftsbürokratie: „Wir haben gerade mal 19.000 Personen im Arbeitskampf. Die Ausweitung läuft noch zu schleppend. Wir brauchen bessere Basisstrukturen. Das ist wichtig, falls die Verhandlungsführer auf die Idee kommen sollten, dem Druck der Post AG unter Preisgabe unserer Interessen nachzugeben.“
Und sie wusste auch genau, wie dieser reproduktive Klassenkampf geführt hätte werden müssen: „Wir brauchen keine faulen Kompromisse, sondern die volle Durchsetzung der Forderungen. Die sind: 36 Stunden pro Woche, 5,5 Prozent mehr Lohn und die Rückführung aller Zustellungssubunternehmen in die Konzernstruktur. Alle Kollegen müssen dafür raus. Das erhöht den Druck und schützt Befristete und Auszubildende. Wir brauchen einen aktiven Streik, denn Arbeitskampf ist kein bezahlter Sonderurlaub, sondern bedeutet die Selbstorganisation des eigenen Kampfes. Abschlüsse ohne vorherige Diskussion und Abstimmung müssen verhindert werden. Die Niederlage von uns Postlern wäre eine Niederlage weit über unseren Sektor hinaus – umgekehrt wäre ein Sieg auch ein Erfolg für alle.“ (Alle Zitate aus: „Manche kennen nichts außer Sozialpartnerschaft.“ Ein Gespräch mit Martina Laubach, in: junge Welt vom 18. Juni 2015, S. 8.)
Doch der Streik wurde nicht von klassenkämpferischen Postkolleginnen wie Martina Laubach selbst organisiert, sondern vom sozialreaktionären ver.di-Apparat, der wieder mal eine Niederlage für das Proletariat organisierte. Diese Co-Manager der kapitalistischen Ausbeutung einigten sich mit den Bossen der Post am Sonntag, den 5. Juli, den Klassenkampf am Dienstag, den 7. Juli 2015 für folgenden Sieg des Kapitals zu beenden: Die Schaffung von 49 Betrieben der DHL Delivery GmbH, in der die KollegInnen nicht nach dem Haustarif der Post, sondern nach dem rund 20 Prozent niedrigeren, aber auch von ver.di unterzeichneten Logistik-Tarif bezahlt werden, wurde von der Gewerkschaftszentrale endgültig abgenickt. In fünf Jahren sollen die bisherigen 6.500 NiedriglöhnerInnen bei DHL Delivery auf 20.000 Billig-Arbeitskräfte aufgestockt werden. Ver.di verkaufte es als „Sieg“, dass der Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen und Änderungskündigungen nun bis Ende 2019 gilt. Außerdem wird die Fremdvergabe in der Brief und Verbundzustellung bis zum 31. Dezember 2018 ausgeschlossen. Lohntechnisch brachte der Tarifvertrag der ver.di-Bürokratie dem Postproletariat wahrscheinlich eine Reallohnkürzung. So soll es zum 1. Oktober 2015 eine Einmalzahlung von 400 Euro geben, eine Lohnerhöhung um zwei Prozent ab 1. Oktober 2016 und am 1. Oktober 2017 weitere mickrige 1,7 Prozent mehr Geld. Mal sehen, wie hoch die Inflationsrate ist.
Als die Briefzustellerin Martina Laubach von der jungen Welt gefragt wurde, ob sie über das Ergebnis der Arbeitsniederlegung auch so zufrieden sei wie die Gewerkschaftsbürokratin Andrea Kocsis, sagte sie: „Nein, das Ergebnis ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich an diesem Streik beteiligt haben. Von unserer Seite gab es noch keinerlei Ermüdungserscheinungen. Nein, wir waren gerade so weit, dass wir den Kampf hätten intensivieren können.
Genau an diesem Punkt sagt die ver.di-Spitze den Streik ab und präsentiert uns einen angeblichen Erfolg. Dieses Ergebnis hätten wir allerdings schon in der dritten oder vierten Verhandlungsrunde haben können – auch ohne den Vollstreik. Natürlich ist Beschäftigungssicherung sehr wichtig, aber doch nicht um den Preis, dass alle anderen Forderungen verraten werden.
Vier Wochen haben wir gekämpft, wir haben rund um die Uhr Streikposten gestanden. Und jetzt bedeutet dieser Abschluss, dass unser Lohn real sinkt. Und das bei einem Unternehmen, das Jahr für Jahr milliardenschwere Gewinne einfährt!“ (Alle Zitate der Kollegin aus: „Der Arbeitskampf wurde uns aus den Händen gerissen.“ Ein Gespräch mit Martina Laubach, in: junge Welt vom 8. Juli 2015, S. 8.)
Auch ihr Kollege, der Briefzusteller und ehrenamtliche ver.di-Aktivist (Vertrauensmann) Sven Paschmann (Name geändert), beschrieb die tiefe Enttäuschung der proletarischen Basis: „Es gab Enttäuschung, Entsetzen und Wut, niemand hat verstanden, wie innerhalb von einem Wochenende diese 180-Grad-Wende von den ursprünglichen Forderungen hin zu diesem Abschluss gemacht werden konnte. Viele Kollegen sagten, das sei ihr letzter Streik gewesen. Selbst den Betriebsräten, die uns das Resultat als Erfolg präsentieren sollten, war die Enttäuschung anzusehen. In mehreren Orten wurden spontane ,Urabstimmungen‘ durchgeführt, und 90 Prozent stimmten dagegen.“ (Alle Zitate des Kollegen aus: „Viele sagen, das sei ihr letzter Streik gewesen.“ Ein Gespräch mit Sven Paschmann, in: junge Welt vom 15. Juli 2015, S. 8.)
Über den Sieg der Post AG bei den DHL Delivery sagte seine Kollegin: „Die ,Deliverys‘ standen für die Post AG nie zur Debatte. Der Versuch, sie in den Konzern zurückzustreiken, ist komplett gescheitert. Die mittlerweile 6.500 Delivery-Kollegen bleiben im Logistiktarif. Irgendwann wird die gesamte Paketbranche der DHL von diesen ,Delivery‘-Firmen übernommen. Hier wird die Spaltung gezielt vertieft, zwischen Stammbelegschaften im Konzern mit relativ guten Löhnen, und denen, die in den untersten Lohngruppen prekär die Drecksarbeit machen sollen.“
Auf die Frage der Zeitung, ob es eine Urabstimmung über das Ergebnis des Streikes geben würde, antwortete die klassenkämpferische Proletarierin: „Nein, ver.di ist ohne Urabstimmung in den Arbeitskampf gegangen und genauso wurde er beendet. Das war ein geschickter Schachzug der Gewerkschaftsspitze, so dass sie den Kampf nach Belieben beginnen und wieder einstellen konnte. Trotzdem haben wir am Montagmorgen vielerorts eigene Urabstimmungen organisiert. Mit hoher Beteiligung und eindeutiger Ablehnung des Ergebnisses!“ Diese Urabstimmung unabhängig von der ver.di-Zentralbürokratie zeugt von einer keimhaften Doppelherrschaft einer klassenkämpferisch-proletarischen Selbstorganisation auf der einen Seite und die der bürgerlich-bürokratischen Gewerkschaftsbonzen auf der anderen – wenn auch noch im Rahmen der Gewerkschaft.
Und diese Doppelherrschaft existiert auch noch nach dem Streik. Doch die ver.di-Bürokratie versucht natürlich die proletarische Selbstorganisation der Basis einzudämmen. Sven Paschmann sagte über die Reaktion der GewerkschaftsfunktionärInnen über die hitzigen Debatten der Postbelegschaft im Internet nach Beendigung der Arbeitsniederlegung: „Zuerst versuchten sie, sich zu beteiligen. Später ging es eher darum, die Diskussion abzuwürgen und die Vereinbarung als Erfolg hinzustellen. Zuletzt wurden offenbar nicht wenige Menschen von den verschiedenen ver.di-Facebook-Seiten geblockt – das heißt, sie hatten keinen Zugriff mehr auf die Kommentarfunktion. Auf der anderen Seite haben sich im Streik mehrere offene und von ver.di unabhängige Facebook-Gruppen gegründet. Dadurch gibt es erstmals überregional einen intensiven Austausch unter den Beschäftigten.“
Nachdem sich die Gewerkschaft wieder mal als verlogenste und heimtückischste aller strukturellen Klassenfeinde des Proletariats erwiesen hat, bekundeten viele KollegInnen im Internet aus ver.di auszutreten. Doch der individuelle Austritt aus diesem armseligen Verein der Co-Manager der kapitalistischen Ausbeutung ist keine Perspektive der kollektiven Radikalisierung des Klassenkampfes. Wir proletarischen RevolutionärInnen treten nicht nur bei der Post für gewerkschaftsunabhängige Basisstrukturen klassenkämpferischer AktivistInnen ein, die sich selbstverständlich nur im und mit dem Klassenkampf entwickeln können. Der langfristige Aufbau von Organen des selbstorganisierten proletarischen Klassenkampfes jenseits der Gewerkschaftsbürokratie ist der einzige Weg, um der Bourgeoisie das Fürchten zu lehren.
Doch die klassenkämpferische Proletarierin Martina Laubach blieb leider Gefangene der linksbürgerlichen Gewerkschaftsideologie. Wie das linke Käseblatt junge Welt, das sie interviewte. In diesem Interview erkannte die Briefzustellerin zwar richtig, dass der individuelle Austritt aus ver.di nichts bringen wird, aber sie vermag nicht die langfristige Perspektive der proletarischen Selbstorganisation ohne und gegen die Gewerkschaften zu erkennen und zu vertreten. So bleibt sie letztendlich (noch?) objektiv Gefangene eines sozialreaktionären Apparates: „Es ist keine Perspektive, nach diesem Kampf die gewerkschaftliche Organisierung aufzugeben. Ein solcher Kurzschluss würde nur die Post AG erfreuen. Die Kapitalseite wird sich nie zufriedengeben. Dieser Arbeitskampf wurde uns aber aus den Händen gerissen, das passiert uns nicht noch einmal!“
Nein, der Arbeitskampf bei der Post wurde dem Proletariat nicht aus den Händen gerissen, er war von Anfang an in den Händen der ver.di-Bürokratie, so wie die meisten Klassenkämpfe in diesem Land von der Gewerkschaftsbürokratie ausgebremst und desorganisiert werden – so lange, bis wir im verschärften Klassenkampf unsere eigenen selbstorganisierten Organe aufgebaut haben!
Martina Laubachs Kollege Sven Paschmann, der eben auch ehrenamtlicher ver.di-Funktionär ist, sieht das strukturelle Problem, dass ein bürgerlich-bürokratischer Gewerkschaftsapparat, also NichtproletarierInnen, über die Führung des proletarischen Klassenkampfes entscheidet, nicht: „Die Einschätzung bei uns an der Basis ist deshalb auch nicht, dass wir von ver.di-Funktionären verraten wurden, sondern dass der Streik so plötzlich und schnell aufgegeben wurde, weil man ein noch schlimmeres Desaster befürchtet hat. Nämlich, dass mit der anrückenden Ferienzeit und der ersten Lohnauszahlung am 15. Juli die Streikfront zusammengebrochen wäre.
Ob das so gekommen wäre, kann niemand sagen. In jedem Fall kam der Abbruch viel zu früh, er war völlig unvermittelt. Da hätte unbedingt eine Urabstimmung durchgeführt werden müssen. Dadurch hat nicht nur der Abschluss selbst die Gewerkschaft nachhaltig geschädigt, sondern noch viel mehr die Art, wie er zustande kam.“
Dass sich die Gewerkschaft durch ihr strukturell-reaktionäres Verhalten selbst schädigt, ist stets die Argumentation des „kritischen“ Schwanzes der Gewerkschaftsbürokratie. Proletarisch-revolutionäre Kritik betont dagegen den Klassengegensatz zwischen hauptamtlich-bürgerlicher Gewerkschaftsbürokratie und der proletarischen Basis, und dass dieser Gegensatz letztendlich nur durch die revolutionäre Zerschlagung der Apparate progressiv gelöst werden kann. Selbst Paschmann hat berechtigtes Misstrauen gegen die reaktionäre ver.di-Bonzokratie. Auf die Frage, warum das Interview anonymisiert stattfinden musste, antwortete er: „In den Tagen nach dem Streik ist es zu zahlreichen Schikanen gegen Streikende gekommen. Viele Kollegen wurden auf Arbeitsplätze mit anstrengenderen Bedingungen versetzt. Gleichzeitig ist zu befürchten, dass Menschen, die sich kritisch über die ver.di-Linie äußern, im Fall von Maßregelung durch die Geschäftsleitung noch weniger mit gewerkschaftlichem Schutz rechnen können.“