Das proletarische Bewusstsein der 1960er Jahre

Wir veröffentlichen hier ein Kapitel aus der Broschüre „Schriften zum Klassenkampf II“ über das Bewusstsein der ArbeiterInnen 1969-1971 in Polen. Die Broschüre könnt Ihr für 5-€ (inkl. Porto) über Onlinemarktplatz für Bücher booklooker.de bestellen.

Bahnhof in Polen

Wir wollen uns nun mit dem proletarischen Bewusstsein vor und während des ArbeiterInnenkampfes von 1969 bis 1971 beschäftigen. Das staatskapitalistische Polen geriet zwischen 1967 und 1970 in eine Phase der sozialökonomischen Stagnation. Marcin Zaremba gibt uns Auskunft über die Verarbeitung dieser Stagnationsphase durch das proletarische Bewusstsein kurz vor dem Höhepunkt des Klassenkampfes 1969-1971. Hier haben wir sehr interessante Einblicke in das proletarische Bewusstsein in Polen vor uns – allerdings verrührt mit kleinbürgerlicher sozialogischer Ideologie.
Das beginnt schon mit dem mehrmals im Text auftauchenden Begriff der „relativen Benachteiligung“. Marcin Zaremba versteht darunter: „Der für meine Ausführungen zentrale Begriff ,relative Benachteiligung‘ (,relative deprivation‘) beschreibt eine Situation, in der das Maß der aktuellen Bedürfnisbefriedigung von der an einer maßgebenden Bezugsgruppe oder an einem bestimmten zeitlichen Bezugsrahmen ausgerichteten Anspruchshaltung abweicht. Ted Robert Gurr definiert ,relative Benachteiligung‘ als den Unterschied zwischen den Dingen, von denen man meint, ein Anrecht darauf zu haben, und den Dingen, die man tatsächlich erhält. (Ted Robert Gurr, Why Men Rebel, Princeton 1970, S 22-30.)
Der Ausgangspunkt ist also die Überzeugung, dass man ein Recht auf etwas besitzt, das die Wirklichkeit einem vorenthält. Die Wunschvorstellungen müssen nicht unbedingt auf materielle Güter wie z.B. Lebensmittel, Kleidung oder Unterkunft bezogen sein. Sie können auch Ziele wie politische Freiheit, soziale Rechte oder kulturelle Bedürfnisse beinhalten. Ein gewisses Maß an sozialer Benachteiligung wird dabei durchaus als akzeptabel angesehen. Menschen erhoffen sich zu allen Zeiten mehr, als sie erhalten können, und sie erreichen normalerweise weniger, als sie begehren. Unter gewissen Bedingungen allerdings kann die Kluft zwischen dem Erhofften und dem Erreichten als inakzeptabel und ungerecht definiert werden. Daraus hervorgehende Frustrationserlebnisse manifestieren sich bisweilen in kollektivem Protest und aggressivem Verhalten.“ (Marcin Zaremba, Am Rande der Rebellion. Polnische Arbeiter am Vorabend des Arbeiteraufstandes im Dezember 1970, in: Bernd Gehrke/Gerd-Rainer Horn (Hrsg), 1968 und die Arbeiter. Studien zum „proletarischen Mai“ in Europa, VSA-Verlag, Hamburg 2007, S. 212.)
Wir halten den Begriff „relative Benachteiligung“ für verschwommenes SoziologInnengewäsch. Aus sozialrevolutionärer Sicht ist das Proletariat durch die Trennung von den Produktionsmitteln absolut benachteiligt. Die Lohnarbeit war gerade auch im staatskapitalistischen Polen das absolute Elend. Da halfen weder warenförmiger Konsum moderner Glasperlen noch demokratische Narrenfreiheiten, mit dem die privatkapitalistische Transformation nicht nur in Polen hausieren ging. Es gibt auch keine „politische Freiheit“ für ArbeiterInnen, wie unser Herr Soziologe meint, sondern nur die soziale Befreiung von der Politik als Zerschlagung des Staates durch das sich selbst revolutionär aufhebende Proletariat. Alles andere ist kleinbürgerlicher Stumpfsinn, welcher das proletarische Elend verewigt. Dies versuchen wir RevolutionärInnen in Diskussionen mit unseren KollegInnen rüber zu bringen, das ist unser Beitrag zur Radikalisierung des proletarischen Bewusstseins. Diese grundsätzliche Herangehensweise unterscheidet sich qualitativ stark vom SoziologInnengewäsch, da die Damen und Herren der bürgerlichen Soziologie es sich in der Interpretation des kapitalistischen Elends, welches von ihnen selbstverständlich nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird, bequem gemacht haben.
Doch geben wir Marcin Zaremba das Wort. Danach werden wir seine Erkenntnisse aus sozialrevolutionärer Sicht beurteilen. Also bitte, Herr Zaremba:
„Mitte der 60er Jahre ging das Institut für öffentliche Meinungsforschung (OBOP) der Frage nach, inwieweit zwischen dem Grad der Bedürfnisbefriedigung und der allgemeinen Lebenszufriedenheit ein Zusammenhang besteht. Eine Gruppe von insgesamt 2.387 Personen antwortete auf die Frage: ,Genügt Ihr Einkommen, um Ihre Wünsche zu befriedigen?‘ 3,1 % der Befragten antwortete mit ,Ja‘ (1,5 der ungelernten Arbeiter und 2,2 der angelernten und Facharbeiter), während 20,9 % ihr Einkommen als ,genügend‘ einschätzten (11,8 der ungelernten und 20,7 der angelernten und Facharbeiter). 46 % aller Befragten (46,2 der ungelernten und 45,9 der Facharbeiter) entschieden sich für die Kategorie ,ungenügend in Verhältnis zu den Bedürfnissen‘; 27,8 % meinten, dass ihr Einkommen ,in hohem Maße ungenügend für die Bedürfnisbefriedigung‘ sei (37 % der ungelernten und 29,3 % der besser gestellten Arbeiter). (Waclaw Makarczyk, Czynniki wyznaczajace poczucie zadowolenia zyciowego, Warschau 1962, S. 18.) Für ungelernte Arbeiter war demnach das Missverhältnis zwischen Bedürfnissen und der realen Möglichkeit, diese zu befriedigen, am ausgeprägtesten. Es wäre interessant, diese Ergebnisse mit Daten aus der Zeit der späten 60er Jahre zu vergleichen, um herauszuarbeiten, ob und inwieweit sich das Gefühl relativer Benachteiligung noch gesteigert hat. Doch leider liegen derartige Studien nicht vor.
Indirekte Schlussfolgerungen lassen sich jedoch anhand von Indikatoren zur ,gesellschaftlichen Zukunftserwartung‘ ziehen. Eine rückläufige Zustimmung auf den entsprechenden Skalen würde auf zunehmende gesellschaftliche Instabilität infolge kumulativer Benachteiligungserlebnisse verweisen. Von OBOP mit der Frage konfrontiert, ,Sind Sie rundum zufrieden mit Ihrem Leben?‘, antworteten 16 % mit ,unbedingt ja‘, 52,9 % mit ,im Prinzip ja‘,15,8 % mit ,eigentlich nicht‘ und 4,8 % mit ,auf keinen Fall‘. Insgesamt waren also 20 % aller Gefragten unzufrieden. (Ebenda, S. 6.)
Zwei Jahre später wurden unter der Bevölkerung Krakau Befragungen durchgeführt, um herauszufinden, inwiefern subjektive ,Erfolgsgefühle‘ vorhanden waren. Eine Frage lautete: ,Haben Sie die für Sie wichtigsten Ziele im Laufe Ihres Lebens erreicht?‘ 30,7 % der Arbeiter und 17,5 % der Angestellten antworteten mit ,Ja‘. 40,9 % der Arbeiter und 24,3 % der Angestellten gaben eine negative Antwort. Auf die Zusatzfrage – ,Sehen Sie Ihr Leben als Erfolg oder Misserfolg an?‘ – stuften sich 37 % der Arbeiter und 26,4 % der Angestellten als erfolgreich ein, während 35,1 % bzw. 30,7 % ihr Leben eher insgesamt negativ einschätzten. (Ryszard Dyoniziak, Awans apoleczny a poczucie sukcesu lub zawodu zyciowego, ,,Ruch Prawniczy, Ekonomiczny, Socjologiczny‘‘, 1968, Mappe 1, S. 255-256.) Wir verfügen zusätzlich über die Ergebnisse einer Umfrage zu den gesellschaftlichen Zukunftserwartungen am Ende des Jahrzehnts. Im September 1968 fragte OBOP, ob man meine, dass sich die materielle Lage der Gesellschaft in den nächsten drei Jahren verbessern werde? (Anmerkung von Marcin Zaremba: Die vollständige Untersuchung war mir leider nicht zugänglich. Die im Text genannten Resultate sind der folgenden Studie entnommen: Problemy VI Zjazdu PZPR w sswietle opinii publicznej, OBOP, Oktober 1971, AAN KC PZPR, XI/1009, Bl. 221.) Die Antworten fielen folgendermaßen aus:

Leute werden sich sehr viel besser sehen 8 %
Die Situation wird sich, wenn auch nur minimal, verbessern 31 %
Fast nichts wird sich ändern, weder zum Guten noch zum Schlechten 18 %
Die Lage wird sich leicht verschlechtern 9 %
Die Lage wird sich merklich verschlechtern 7 %
Keine Meinung 27 %

1969 fiel der Index zur gesellschaftlichen Zukunftserwartung auf 30 %. (Anmerkung von Marcin Zaremba: Leider war mir die Studie selbst nicht zugänglich. Die erwähnten Daten sind dem folgenden Bericht entnommen: Wzrost optymizmu spolecznego w koncu roku 1975, OBOP, Januar 1975.) Obwohl die verschiedenen Studien nur unter gewissen Vorbehalten verglichen und daraus weitreichende Schlussfolgerungen gezogen werden können, verdeutlichen sie gleichwohl einen Anstieg sozialen Unmuts gegen Ende des Jahrzehnts. Aber erklärt sich dieser Anstieg aus der wachsenden Kluft zwischen den Ansprüchen und den Bedürfnissen der Menschen? Um dies zu prüfen, muss qualitatives Datenmaterial herangezogen werden, welches erlaubt, einen Katalog der von Arbeitern am häufigsten verwendeten Vergleiche und Aussagen zu erstellen, anhand dessen sich die Differenz zwischen Erwartungen und der damaligen konkreten Lage beleuchten lässt.
Alles verschlechtert sich zusehends; alles wird teurer. Diese sehr häufig geäußerte Meinung gibt wahrscheinlich am besten die Kluft zwischen tatsächlichen Bedingungen und erhofften Zuständen wieder. 1963, ein für das polnische kommunistische Regime (Anmerkung von Nelke: Es zeugt von einer antikommunistischen Tendenz von Marcin Zaremba, dass staatskapitalistische Regime „kommunistisch“ zu nennen) besonders schwieriges Jahr, erklärten die Arbeiter einer Fabrik: ,In jedem Jahr wird‘s schlimmer; die Preise steigen und es besteht keine Aussicht auf Besserung.‘ Entmutigte Arbeiter der Adolf-Warski-Werft in Szczecin wollten wissen, ,wann alle anderen Sachen ebenfalls teurer werden, seitdem Preisanstiege an der Tagesordnung sind; und wann ist endlich Schlusss damit?‘ (Marcin Zaremba, Spoleczenstwo polskie lat szescdziesiatych – miedzy,,mala stabilzacja‘‘ a ,,mala destabilzacja‘‘, in: Oblicza Marca 1968, hrsg. Von Konrad Rokicki und Slawomir Stepien, Warschau 2004, S. 40.) Die Arbeiter erhofften eine Verbesserung und Stabilisierung ihrer Lebensbedingungen, aber aufeinanderfolgende Preissteigerungen offenbarten den illusorischen Charakter dieser Hoffnungen. In einem anonymen Brief an das Polnische Radio hieß es: ,Wieso verschlechtert sich die Lage in unserer Volksrepublik zusehends, anstatt besser zu werden? Wird der Lebensstandard jemals steigen? Anstatt Fleisch zu verteuern, sollte die Regierung die Preise für Wodka heraufsetzen, um das Rowdytum einzudämmen. (…) Viele Menschen leben in furchtbarer Armut. Es ist nichts als blanke Ironie, wenn behauptet wird, dass zu viel Fleisch gegessen wird. Wer hat zu viel davon gegessen? Arbeiter würden gerne mehr Fleisch essen, aber zur Zeit essen sie fast überhaupt nichts.‘ (Dokumentationsstelle für Aktenmaterial am Zentrum für Dokumentation und Programmsammlungen des TVP S.A. (hiernach DDA), Signatur 1208/1, Interner Rundbrief des Büros für Korrespondenz des Radio- und Fernsehkomitees Polskie Radio i Telewizja, Nr. 394 (hiernach BW Nr. 394), Brief vom 29. November 1967.) Von der Berechtigung ihrer Forderungen und Wünsche waren die Arbeiter überzeugt. Indem sie immer wieder fragten: ,Wo ist das Fleisch?‘ oder ,Warum gibt es kein Fleisch?‘, gaben sie ihren Erwartungen und ihrer Unzufriedenheit Ausdruck. Sie akzeptierten keine Rechtfertigung des Warenmangels in den Läden und für die Preissteigerungen. ,Ein armer Arbeiter schreibt an Sie (das polnische Radio –M(arcin) Z(aremba)), und Sie müssen mir einfach zuhören. Ich arbeite das ganze Jahr lang und kann mir trotzdem kein warmes Winterhemd leisten. Das Flanellhemd, wenn ich es so nennen darf, ist aus schlechtem Material angefertigt und kostete vor drei Jahren 57 Zlotys; heute kostet es 75 Zlotys. Aber es ist nicht nur das Hemd; andere Sachen sind sogar noch teurer geworden.‘‘ (DDA 1207/3 Bd. 1, BW Nr. 324, Brief vom 2. Dezember 1966.) Die große Zahl ähnlicher in den Berichten dokumentierter Klagen verweist auf die allgegenwärtige Überzeugung, dass die letzten Jahre der Gomulka-Ära als eine Zeit des rückläufigen Warenangebots und allgemein sich verschlechternder Lebensumstände angesehen worden. Auf die Frage: ,Wann wird sich die Lage im Sozialismus verbessern?‘ antwortete der Volksmund: ,Das ist bereits geschehen.‘
Zwanzig Jahre nach dem Krieg sollte es uns eigentlich besser gehen. In dieser Äußerung fanden enttäuschte Erwartungen und Unzufriedenheiten häufig ihren Ausdruck. Die Polen wünschten sich ein besseres Leben. Eine arbeitslose Frau aus Kielce, deren Mann ein äußerst geringes Einkommen hatte –,Das bisschen Geld reicht bestenfalls fürs Dahinvegetieren‘ –, beendete ihren Brief mit folgender Anmerkung: ,Stimmt es denn nicht, dass nach zwei Jahrzehnten des Aufbaus in Polen die Leute nicht nur vernünftige Lebensbedingungen erwarten dürften, sondern dass sie ebenfalls das Recht auf Freizeitgestaltung, Unterhaltung und Bildung genießen sollten. All dies ist jedoch für die meisten Familien heute unerschwinglich.‘ (DDA 1207/3 BW Nr. 324, Brief vom 27. Juli 1966.) Die Polen brachten Verständnis für die armseligen Lebensbedingungen in der Nachkriegszeit auf; die schlechten Zeiten der Gomulka-Periode allerdings konnten sie nicht begreifen und wollten sie nicht mehr akzeptieren. Ein Arbeiter aus Lancut schrieb: ,Die Polnische Arbeiterpartei weiß nicht, wie man richtig regiert. Zwanzig Jahre sind bereits nach Kriegsende verstrichen, aber die Lage wird immer schwieriger anstatt besser. Die Preise steigen unaufhörlich, während die Löhne gleich bleiben. Obwohl wir ab und an eine fünf- oder zehnprozentige Lohnerhöhung bekommen, ist dies ungenügend angesichts hundertprozentiger Preiserhöhungen für Kohle, Elektrizität usw. Die Gesellschaft ist verbittert über diese kontinuierlichen Verteuerungen. Obwohl Ihr im Radio jede dieser Preiserhöhungen zu erklären versucht, spüren die Arbeiter diese ,positiven‘ Veränderungen in ihrer eigenen Tasche.‘ (DDA 1207/3 BW Nr. 324, Brief vom 6. September 1966.) Der Autor eines anderen Briefes erinnerte an eine ganze Reihe von Waren, die in den allerersten Nachkriegsjahren allerorten erhältlich waren. Und er sah einen Zusammenhang zwischen den aufeinanderfolgenden Preissteigerungen und dem Ausbruch sozialer Unruhen. ,Jeder, der nicht Parteimitglied ist, hat die Nase voll von dieser Sorte Demokratie, die in dieser Volksrepublik vorherrscht. Mehr als zwanzig Jahre sind seit dem Ende des Krieges vergangen, und alles, was wir haben, ist dauerhafter Mangel. Selbst direkt nach dem Kriege konnte man alles kaufen; aber heute? Warschau ist voller Leute, die nur eines wissen: Wie man Preise erhöht. Die Partei muss sich darüber klar sein, dass die ständigen Preiserhöhungen unvermeidlich zur Revolte führen werden.‘ (DDA 1207/3 BW Nr. 324, Brief vom 21. September 1966.)
In einem weiteren Brief wurde der Unmut der Bevölkerung unverstellt zum Ausdruck gebracht. Er drückt die Hoffnung auf rasche Wohlstandssteigerung aus, gibt eine Einschätzung der als ungerecht und schädlich angesehener Wirtschaftslage und mündet schließlich in wutentbrannten Schuldvorwürfen gegenüber den Machthabern. Ein Arbeiter aus Bedzin im Regierungsbezirk Katowice schrieb: ,Zwanzig Jahre nach dem Krieg, und nicht das kleinste Anzeichen von dem immer wieder versprochenem Wohlstand. Selbst unter der deutschen Besatzung war es anders: Wenn jemand damals seine Essensmarke bekam, dann erhielt er alles, was ihm zustand, auch wenn er erst ein halbes Jahr später hinging. Heutzutage lohnt es sich nicht einmal, darüber zu sprechen. (…) Heute ist die Macht in den Händen von Leuten, die auf der anderen Seite des Tisches sitzen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann die Preise so hoch waren, dass ein Ei drei Zlotys kostete. Dazu kommt die Aussicht auf weiter steigende Preise für Fleisch und andere Lebensmittel. Wir ,schwarze Massen‘ oder ,weiße Neger‘ sind sehr gehorsam, aber ihr wisst sehr wohl, dass bei jedem Menschen der Geduldsfaden reißen kann: Und mit Blick auf die momentan geplanten Lebensmittelpreissteigerungen könnte es sehr wohl kritisch werden, wenn der Aufbau des Kommunismus sein nächstes Stadium erreicht.‘ (DDA 1207/3 BW Nr. 389, Brief vom 11. November 1967.)
Es ging uns selbst unter deutscher Herrschaft besser. Diese Meinung wird ausschließlich in anonymen Briefen vertreten. Sie wurde nicht öffentlich geäußert und es ist sehr unwahrscheinlich, dass irgendjemand sie zu dieser Zeit ernsthaft vertrat. Sie war auch nicht als objektive Einschätzung des Lebensstandards unter der deutschen Besatzungsherrschaft gemeint. Der Vergleich mit der Kriegs- und Okkupationszeit sollte vielmehr das tiefe Unbehagen mit der aktuellen Situation und die große Kluft zwischen den vorhandenen Erwartungen in der polnischen Gesellschaft unterstreichen. Es war bezeichnend, dass die wirtschaftliche Lage gegen Ende der 60er Jahre nicht mit der Periode relativer Prosperität zwischen 1956 und 1958 verglichen wurde, wie es zu Beginn der 60er Jahre normal war. (Marcin Zaremba, Spoleczenstwo polskie…, a.a.O., S. 40.) Es schien so, als sei jegliche Erinnerung an den wirtschaftlichen Fortschritt zu Beginn der Gomulka-Periode verloren gegangen. Es war der Krieg, den die Polen nunmehr als das bedeutsamste Ereignis und als den wichtigsten Vergleichspunkt in ihrem Leben betrachteten. Sie waren davon überzeugt, dass ihre Lage sich zwanzig Jahre nach Kriegsende hätte verbessern müssen. Zweifellos drückte sich im Vergleich der Gomulka-Periode mit den Kriegsbedingungen eine überaus scharfe Kritik und Delegitimirung der offiziellen Wirtschaftspolitik aus. Eine ähnliche Stoßrichtung lag den Vergleichen mit der stalinistischen Periode von 1956 zugrunde.
Unter Bierut ging es den Arbeitern gut. So drückten die Arbeiter ihren Unmut bereits 1963 aus. Dem Sicherheitsdienst fielen zu dieser Zeit Graffiti mit der Losung auf: ,Stalin erwache! Die Arbeiter verhungern.‘ Sie wurden mit bemerkenswertem Eifer reproduziert. (Ebenda, S. 41.) Auch im September 1970 wurden Graffiti und Flugblätter mit identischem Inhalt gesichtet. (Jerzy Eisler, Grudzien1970. Geneza, przebieg, konsekwencje, Warschau 200, S 68-69.) Im Dezember 1966 schrieb ein Arbeiter aus Poznan: ,Es stimmt, dass zur Zeit Bieruts der Lebensstandard höher war, als er heute ist… Als einfacher Arbeiter verdiente ich zweimal so viel wie heute, und alles war billiger. Jetzt hat sich mein Lebensstandard dank der ,gut funktionierenden Wirtschaft‘ um das Fünffache verringert.‘ (DDA 1207/3 BW Nr. 324, Brief vom 1. Dezember 1966.) Untersuchungen zu den Lebensbedingungen der Arbeiterschaft in Polen belegen jedoch eine Verbesserung gegenüber der stalinistischen Periode. Doch die subjektiven Meinungen deckten sich nicht mit diesem Bild. Die Diskrepanz zwischen Erwartungen und Wirklichkeit nährte eine Unzufriedenheit, der man im Vergleich der Gegenwartssituation und dem vermeintlich ,besseren Leben‘ unter Pierut Nachdruck verleihen wollte.
Die rote Bourgeoisie. Das Gefühl ,relativer Benachteiligung‘ wurde nicht nur durch zeitliche Längsvergleiche –mit den ,,guten alten Zeiten‘‘ –, sondern in noch stärkerem Maße durch gesellschaftliche Quervergleiche er-zeugt. Arbeiter wählten als Bezugsgruppe oftmals die Bauern, und das Unbehagen gegenüber der Bauernschaft wuchs nach jeder Preissteigerung, von der man annahm, dass sie der ländlichen Bevölkerung zugutekam. Bedeutsamer noch war der Vergleich mit Büroangestellten (gemeint waren die Personalverantwortlichen), leitenden Angestellten (sprich: Manager) und den Machteliten (führende Parteimitglieder). Diese sozialen Gruppen genossen eine unvergleichlich bessere soziale Stellung, was in den Augen der Arbeiterschaft jene sozialistischen Grundprinzipien und die Versprechungen verletzte, auf die sie sich häufig beriefen. Indem sie ihre eigene Lage mit der von ihnen so genannten ,roten Bourgeoisie‘ verglichen, verdeutlichten die Arbeiter den Hintergrund, vor dem sie sich gesellschaftlich zurückgesetzt und ungerecht behandelt fühlten. Den beleidigenden Verweis auf die ,rote Bourgeoisie‘ verwendeten polnische Arbeiter bereits in den 50er Jahren. In der zweiten Hälfte der 60er allerdings wurde dieser Ausdruck vor allen Dingen dazu verwendet, um den Abstand zwischen polnischen Arbeitern und den Machthabern am Ende der Gomulka-Ära zu markieren. 1967 behaupteten Arbeiter: ,Eine rote Bourgeoisie entsteht in Polen auf Kosten der Arbeiter‘ und sie fügten hinzu: ,Die hohen Parteimitgliedsbeiträge ermöglichen das Wachstum der roten Bourgeoisie; dank unseres Geldes können wir mehrere Dutzend ausländischer Fahrzeuge vor dem Gebäude des Zentralkomitees bestaunen.‘ (Marcin Zaremba, Spoleczenstwo polskie…, a.a.O., S. 45.) Träume vom eigenen Auto kamen hier ebenso zum Ausdruck wie die resignative Überzeugung, diese niemals in Erfüllung gehen zu sehen. In den Augen der Arbeiter stand sich die ,rote Bourgeoisie‘ nicht nur besser – eine für sich genommen schon als ungerecht empfundene Tatsache –, sondern sie lebte auch noch auf Kosten der benachteiligten Schichten und ,beutete‘ diese aus. ,Sie essen unseren Speck‘, hieß es und ,sie werden auf unsere Kosten immer fetter‘; man war davon überzeugt, dass diese ,Ausbeutung‘ merklich intensiver geworden war. (Anmerkung von Marcin Zaremba: Der anonyme Autor des am 26. Dezember 1967 verfassten Briefes schrieb: ,Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was diese Leute über die Lage der Arbeiter denken und was sie vorhaben. Warum immer wieder diese Lügen, dass ein Arbeiter, obwohl sein Lohn sehr mager ist und obwohl er nichts anderes als diese ständig angepriesene Margarine gegessen hat, dies weiterhin gerne tun wird, während diese Herren mit ihren dicken Bäuchen nach wie vor Schinken und andere Delikatessen verzehren, weil sie das Geld dafür haben.‘ (DDA 1208/1 Bd. 1, BW Nr. 394.) In einem nach den Fleischpreiserhöhungen verfassten Schreiben ,zum Wohle der Arbeiter-Kameraden‘ hieß es: ,Jedermann weiß, dass sich die Lebensbedingungen unserer Mitbürger durch die systematische Entwicklung der Wirtschaft unseres Landes verbessern. (…) Doch gehört zu dieser Feststellung ein trauriges ,aber‘, das auf ein unglaubliches wachsendes Missverhältnis im Lebensstandard unter unseren Mitbürgern verweist. Eine neue Bourgeoisie, auch wenn sie nicht die Kontrolle der Produktionsmittel innehat, ist dabei zu entstehen. Der gegenwärtige, durch nichts kompensierte Preisanstieg gehört in die Reihe einer Vielzahl von Maßnahmen, die die gesellschaftliche Spaltung vertiefen. Sie treffen vor allem jene, deren Löhne schon jetzt kaum ausreichen, um die einfachsten Grundbedürfnisse zu befriedigen. Der versprochene Ausgleich für unseren Geldbeutel ist nichts als eine leere Floskel; er wird einmal mehr nur den Reichen zugutekommen. Anders gesagt: aus den Fleischtöpfen der Armen werden diejenigen gespeist, die ohnehin schon im Wohlstand schwelgen und sich trotz der Preiserhöhung Fleisch leisten können. Auf Fleisch zu verzichten, wird nur den wenig oder durchschnittlich Verdienenden zugemutet. Ist das fair? Allemal in einem System, das vorgibt, soziale Gerechtigkeit verwirklichen zu wollen? (…) Die gesellschaftliche Kluft wächst. Einerseits sehen wir zu, wie die Löhne von Arbeitern, die 1.600 Zlotys verdienen, im Schneckentempo zunehmen; andererseits erhalten Fabrikdirektoren 6.000 Zlottys pro Monat sowie einen vierteljährlichen Bonus von 14.000 Zlotys.‘ (DDA 1208/1 Bd. 1, BW Nr. 394, Brief vom 27. November 1967.)
Eine für die Arbeiter wichtige Vergleichsgruppe waren die einfachen Büroangestellten: Kassiererinnen und Sekretärinnen, denen die Arbeiter unterstellten, während der Arbeitszeit ,Tee zu trinken‘ und ,ihre Nägel zu polieren‘. (Marcin Zaremba, Spoleczenstwo polskie…, a.a.O., S. 30.) Die in arbeitsrechtlicher Hinsicht gegenüber den Arbeitern in der Tat privilegierte soziale Stellung dieser Gruppe wurde als ungerechtfertigt angesehen. Auch hier heizten die propagierten sozialistischen Gleichheitsvorstellungen den Unmut an. Das belegen eine Reihe von Äußerungen, wie zum Beispiel die eines Arbeiters, der entrüstet auf die unterschiedlichen sozialen Rechte von Industriearbeitern und Büroangestellten blickte: ,Angestellte bekommen einen Monat Urlaub nach einem Jahr Beschäftigung, während Arbeiter nur zwölf Arbeitstage erhalten. Darüber hinaus wird Angestellten nach zehn Jahren kontinuierlicher Beschäftigung ein Extramonat Urlaub gewährt. Dafür müssen sie eine Bedingung erfüllen: Sie dürfen innerhalb dieser zehn Jahre ihren Arbeitsplatz nicht wechseln, sonst verlieren sie ihr Anrecht auf diesen Sonderurlaub und müssen wiederum zehn Jahre in der neuen Firma arbeiten. Auch in der neuen Firma stehen ihnen von Anfang an ein Monat Urlaub pro Jahr zu. Diese unterschiedliche Behandlung von Arbeitern und Angestellten sollte uns nachdenklich stimmen, wenn es denn mit einem sozial gerechten System ernst gemeint ist.‘ (DDA 1207/3 BW Nr. 324, Brief vom 1. August 1966.) Aus solchen Vergleichen erwuchs nicht nur ein Gefühl der Benachteiligung. Sie förderten zugleich die Entstehung eines revolutionären Klassenbewusstseins der Arbeiter, die Stärkung des Gefühls der Klassenzugehörigkeit und einen zunehmend antagonistischen Blick auf soziale Strukturen.
In Westen geht‘s den Leuten besser. Arbeiter verglichen ihre Lage nicht nur mit den privilegierten Schichten im eigenen Land. Ihre Erwartungen wurden auch durch Informationen über die Situation von Arbeitern in kapitalistischen Ländern geprägt. Arbeiter in Hafenstädten z.B. wussten über die Lebensbedingungen im Westen besser Bescheid als Lohnabhängige andernorts, eine Tatsache, die oft als Erklärung für ihre stärkere Neigung zur Rebellion herangezogen wird. Das Wissen über die Lebensweise der Menschen im Westen und die Vertrautheit mit den verschiedensten Importgütern schürten gesellschaftliche Erwartungen, die, verglichen mit der polnischen Realität der späten 60er Jahre, nur Enttäuschungen hervorrufen konnten. Auch in dieser Vergleichsperspektive waren ,sozialistische Errungenschaften‘ kaum in der Lage, das Bild zu korrigieren. Ein Arbeiter schrieb: ,Radio und Zeitungen betonen oft die Errungenschaften des neuen Systems. Dann erklären Sie mir bitte auch die Gründe für den Wohlstand in kapitalistischen Ländern. Auch Frankreich und Deutschland litten schließlich während des letzten Krieges unter hohen Verlusten. Wenn in kapitalistischen Ländern wohnende Polen unser Land besuchen, dann wird klar, wie groß der Unterschied zwischen den Lebensbedingungen hier und dort sind.‘ (DDA 1207/3 BW Nr. 324, Brief vom 6. September 1966.)“ (Marcin Zaremba, Am Rande der Rebellion, a.a.O., S. 218 – 227.)
Analysieren wir die interessanten Informationen über das proletarische Bewusstsein von Zaremba etwas genauer. Und zwar unter folgenden Aspekten: Worin unterschied sich das proletarische Bewusstsein von der Ideologie-Produktion der kleinbürgerlich-demokratischen Opposition? Welche Formen des proletarischen Bewusstseins begünstigten die spätere privatkapitalistische Transformation und welche wirkten als sozialrevolutionäre Tendenz gegen Staats- und Privatkapitalismus, ohne bis jetzt in eine soziale Revolution zu münden?
Als erstes sticht ins Auge, dass auch das Bewusstsein des polnischen Proletariats um praktische Dinge kreiste, wie der Unterkonsum – besonders an Fleisch –, und nicht um so abstrakte Ideologie-Produkte, wie „Freiheit“, „Demokratie“ und „Demokratischer Sozialismus“, wie bei den Intellektuellen. Tja, das Proletariat kämpft halt im Kapitalismus nicht selten um das nackte Überleben und muss sich noch öfter ziemlich hart durchkämpfen, um wenigstens ein wenig Lebensqualität zu er erhalten. Auch reproduziert das Proletariat nicht hauptberuflich bürgerliche Ideologie, sondern produziert Mehrwert für das Kapital und den Staat – im volksdemokratischen Polen verschmolzen Kapital und Staat in der Industrie zum Staatskapital –, aus dem beide auch die Intellektuellen bezahlen.
In dieser Funktion als Ausbeutungsobjekte, StaatsbürgerInnen und kleinbürgerliche Marktsubjekte produzierten aber auch die polnischen ProletarierInnen eine Menge kleinbürgerliche Ideologie. Sie verinnerlichten stark Kapital und Staat, reproduzierten deren Macht also nicht nur durch ihre praktische Mehrwertproduktion, sondern auch geistig durch die Produktion ihres Bewusstseins. In der oben gehörten Kritik eines Arbeiters an der regierenden marxistisch-leninistischen Staatspartei, dass sie diese Funktion schlecht ausübe, kommt die ideologische Reproduktion des Staates durch die Mehrheit des Proletariats in nichtrevolutionären Zeiten zum Ausdruck. „Es muss ein Staat und auch eine Regierung geben. Wir ernähren die PolitikerInnen durch unsere Arbeit, aber dafür sollen sie dann auch gut regieren.“ So kann mensch diese staatskonforme proletarische „Kritik“ zusammenfassen. Allerdings kann diese theoretisch recht schwache „Kritik“ an der eigenen Ausbeutung doch zur eindrucksvollen materiellen Gewalt werden, indem sie in den reproduktiven Klassenkampf gegen die „schlechte“ Regierung mündet, wie in Polen das ja auch in den Jahren 1956, 1969-1971, 1976 und 1980/81 geschah. Doch solange die Mehrheit des Proletariats noch nicht bewusst gegen Kapital und Staat kämpft, sondern große Teile der ArbeiterInnen Kapital und Staat verinnerlichen, bleibt das Proletariat Manövriermasse im innerkapitalistischen Machtkampf. Im staatskapitalistischen Polen konnte Gomulka 1956 den proletarischen Klassenkampf im innerbürokratischen Machtkampf gegen die moskautreuen StalinistInnen nutzen, während er durch den Kampf der ArbeiterInnen 1970 entmachtet wurde und ein neuer starker Mann durch ihn emporgehoben wurde.
Neben der ideologischen Reproduktion von Kapital und Staat durch die ArbeiterInnen ist der verklärende Blick in die Vergangenheit eine weitere kleinbürgerliche Ideologie-Produktion von ProletarierInnen, die sowohl ein geistiger Reflex der praktischen Mehrwertproduktion für Kapital und Staat als auch ein geistiges Verfestigungsmittel von Kapital und Staat als solchen ist. Der schlechten Gegenwart unter der Knute von Kapital und Staat wird eine angeblich bessere Vergangenheit hinterhergetrauert, in der eine andere Form von Kapital und Staat bestand. Zugleich ist der verklärende Blick zurück nicht nur für die soziale Befreiung des Proletariats kontraproduktiv, sondern auch im Rahmen der Kapitalvermehrung total illusorisch. Die geschilderte Verklärung der stalinistischen Phase der staatskapitalistischen Entwicklung durch einige ArbeiterInnen ist so eine kontraproduktive und illusorische Projektion. Denn die stalinistische Phase war auch in Polen die Phase des industriellen Wiederaufbaues. Die starren staatskapitalistischen Produktionsverhältnisse behinderte die weitere Entwicklung der industriellen Produktivkräfte, also verlangte die erfolgreiche Kapitalvermehrung die Transformation in den Privatkapitalismus, während die soziale Befreiung den Sturz des „kommunistischen“ Regimes durch die Diktatur des Proletariats mit dem Ziel einer klassenlosen Gesellschaft verlangte. Sowohl die erfolgreiche Kapitalvermehrung als auch die siegreiche soziale Revolution war mit der Reproduktion altstalinistischer Ideologie unvereinbar.
Ähnliches gilt auch für die Idealisierung des deutschen Imperialismus durch einige polnische ArbeiterInnen. So paradox es klingt, waren solche Projektionen auch ein Ausdruck des polnischen Nationalismus. Denn er implizierte indirekt einen Vergleich mit der Unterordnung des staatskapitalistischen Polens unter der Oberherrschaft des sowjetischen Imperialismus. Ganz nach dem Motto: „Da ging es uns Polen ja unter der Herrschaft der Deutschen besser als unter der russischen Oberherrschaft“. Auch dieser Vergleich lässt keinen Raum für die soziale Befreiung, sondern nur für nationalistische Bewegungen, um das „polnische Vaterland“ gegen einen imaginären oder realen „äußeren Feind“ zu verteidigen, wobei völlig die soziale Erkenntnis verloren geht, dass das Weltproletariat nur einen Feind hatte und hat: die herrschenden kapitalistischen Klassen aller Länder.
Diese soziale Erkenntnis war aber instinktiv bei jenen polnischen ArbeiterInnen vorhanden, welche die damalige staatskapitalistische Elite als „rote Bourgeoisie“ bezeichneten, auch wenn wir selbst nicht diesen Begriff verwenden. Wichtig war und ist es für ProletarierInnen den kapitalistischen Charakter auch verstaatlichter Industrieunternehmen zu verstehen – sowohl im Rahmen eines privatkapitalistischen Landes als auch in einer fast völlig verstaatlichten Wirtschaft. Die herrschende Partei/Staats/Wirtschaftsbürokratie eines staatskapitalistischen Landes besitzt zwar nicht durch Privateigentum die Produktionsmittel, aber indem sie den Staat kontrolliert, besitzt sie auch Verfügungsgewalt über die verstaatlichten Produktionsmittel. Sie kontrolliert die Produktionsmittel kollektiv-hierarchisch, je höher der Posten, umso stärker die Kontrolle über die Produktionsmittel. Ähnlich eignet sich die staatskapitalistisch herrschende Klasse den Mehrwert durch offizielle Gehälter und legale/illegale Privilegien an. Diese direkte Aneignung des von der ArbeiterInnenklasse produzierten Mehrwertes ist auf alle Fälle kapitalistische Ausbeutung. Die ArbeiterInnenklasse in Polen produzierte in der „sozialistischen“ Zeit Mehrwert für den Staat, wurde also staatskapitalistisch ausgebeutet.
Diese Tatsachen bleiben in Zarembas Text vernebelt und unklar. Der Soziologe zitierte zum Beispiel einen Arbeiter, welcher die Verfügungsgewalt der herrschenden staatskapitalistischen Klasse über die Produktionsmittel leugnete. Da er dieses Zitat unkommentiert stehen ließ, können wir davon ausgehen, dass er diese Ansicht mehr oder weniger teilte. Weiterhin stellte er die sozialökonomische Ausbeutung der ArbeiterInnen durch den Staat in Abrede, indem er den Begriff der Ausbeutung in Anführungsstriche setzte. Damit leugnet Zaremba die Tatsache der staatskapitalistischen Ausbeutung im „sozialistischen“ Polen.
Dessen ungeachtet zeugt die Verwendung des Begriffes „Rote Bourgeoisie“ durch die polnischen ArbeiterInnen tatsächlich von sozialrevolutionären Tendenzen innerhalb des polnischen Proletariats. ArbeiterInnen, die diesen Begriff verwendeten gaben damit zum Ausdruck, dass sie das „sozialistische“ Polen für eine Klassengesellschaft hielten. Auch brachte dieser Begriff eine kritische Distanz zur „normalen“ Bourgeoisie Westeuropas zum Ausdruck.
Auch die kritische Distanz zum lohnabhängigen KleinbürgerInnentum – unter ihnen auch die Intellektuellen, die Hauptbasis der kleinbürgerlich-demokratischen Opposition gegen des staatskapitalistische Regime – hatte seine progressiven Momente, aber auch seine sozialreaktionären Tendenzen. Zum einen blieben die Proletarisierungstendenzen innerhalb des lohnabhängigen KleinbürgerInnentums unreflektiert, zum anderen konnte das staatskapitalistische Regime die sozialen Unterschiede zwischen Intellektuellen und ArbeiterInnen sozialreaktionär ausnutzen.
Demgegenüber war der Vergleich der staatskapitalistischen Zustände in Polen mit den idealisierten privatkapitalistischen Verhältnisse in Westeuropa und in den USA, nicht dienlich für den proletarischen Klassenkampf. Dieser Vergleich diente objektiv der privatkapitalistischen Reaktion, aber nicht den Interessen der polnischen ArbeiterInnen.